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1.1 Atrophie

Erworbener Organschwund bei primär normaler Organgröße durch Reduktion der Zahl oder der Größe der Zellen.

Als Atrophie wird eine Verkleinerung von Zellen, Geweben, Organen oder die des Gesamtorganismus bezeichnet, die auf eine herabgesetzte Zellfunktion zurückzuführen ist. Man unterscheidet eine einfache Atrophie in stabilen Geweben (z.B. Muskeln, Nervensystem) und eine numerische Atrophie, die mit einer Verringerung der Zellzahl einhergeht. Die numerische Atrophie betrifft die Wechselgewebe (z.B. die Schleimhaut des Gastrointestinaltraktes) und wird auch als Hypoplasie (im Gegensatz zur Hyperplasie) bezeichnet. Von der Atrophie muß man die Degeneration abgrenzen, die bei Schädigung der Zelle auftritt. Bei einem allgemeinen Kräfteabbau mit Atrophie mehrerer Organe spricht man auch von Kachexie (z.B. bei Tumorerkrankungen) bzw. von Marasmus (schwerer Protein- und Energiemangel).

Formen der Atrophie:

  • Atrophie durch Reduktion der Zellgröße (einfache Atrophie)
  • Atrophie durch Reduktion der Zellzahl (numerische Atrophie, Hypoplasie)

Die Definition der Atrophie sagt nichts über die Ursachen aus. Eine Atrophie geht prinzipiell auf eine Gleichgewichtsstörung zwischen Anabiose und Katabiose (aufbauenden und abbauenden Stoffwechselvorgängen) zurück und kann bei verschiedenen Erkrankungen und auch unter physiologischen Bedingungen (z.B. im Alter) auftreten. Pathogenetisch ist die Atrophie am häufigsten bei Zell- bzw. Gewebeadaption an eine verminderte Aktivität. Zur Atrophie einzelner Organe oder Gewebe kommt es auch bei verminderter Blutversorgung, Ernährung, neuronaler und/oder endokriner Stimulation. Die morphologischen Auswirkungen sind die Verkleinerung der Einzelzelle und des Gewebes/Organes durch Abnahme des Zellvolumens (und ggf. auch der Zellzahl). Abgebautes und nicht verdaubares zelluläres Restmaterial bleibt als Lipofuszinpigment liegen.

Man unterscheidet physiologische und pathologische Formen der Atrophie:

Physiologische Atrophie (Involution):

  • im Rahmen der Organreifung: Thymus
  • hormonell durch verminderte endokrine Stimulation: Uterus, Ovarien, Hoden
  • im Alter bei kataboler Stoffwechsellage: Knochen, Leber, Lymphknoten, Herz

Pathologische Atrophie:

  • Verminderte Belastung oder Unterfunktion wie z.B.: Atrophie der Skelettmuskulatur durch Inaktivität (“Inaktivitätsatrophie”).
  • Verminderte Blutversorgung wie z.B.: Gehirnatrophie und Nierenatrophie. Beides sind häufig Folgen arteriosklerotisch bedingter Nähr- und Sauerstoffunterversorgung; bei der Amyloidose kommt es zur Atrophie der Hepatozyten.
  • Störung der Innervation wie z.B.: Atrophie der Muskulatur bei Lähmungen, verursacht durch die Zerstörung der Vorderhornganglienzellen bei Poliomyelitis.
  • Inanition wie z.B.: Gewebe- und Organverkleinerung bei Hunger, Malabsorption und Anorexia nervosa.
Bearbeiter: Peter Sinn
Letzte Änderung: 4.08.2012